Der richtige Umgang mit "Mythenspielern"

Von Marco Kühn/tennis-insider.de
Samstag, 23.09.2017 | 09:11 Uhr
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Viele Spieler wirken unbesiegbar. Doch in vielen Fällen ist die größte Stärke dieser Spieler nur ihr Ruf.

"Also der Patrick, von dem Verein aus der Stadt nebenan, der ist aufgrund seiner Schnelligkeit wirklich nicht zu schlagen in unserer Liga". Wahrscheinlich kennst du auch die Spieler aus deiner Liga, um die sich solche Mythen ranken. Der Eine soll kaum schlagbar sein, ein anderer Spieler wiederum hat seit neun Spielen keinen Satz abgegeben. Die größte Stärke dieser Spieler ist aber tatsächlich ihr Ruf. Wenn du dann gegen einen dieser scheinbar "unbesiegbaren" Spieler auf den Platz musst, hast du ein völlig verzerrtes Bild im Kopf. Deine Vorbereitung auf solch ein Match ist eine wesentlich unentspanntere, als wenn du ohne große Gedanken in ein Match gegen einen dir vollkommen unbekannten Gegner gehst. Lass uns herausfinden, warum es gegen solche "Mythenspieler" so schwierig ist und was du dagegen tun kannst.

Das Podest

So ein Ruf hat schon seine Wirkung. Du stellst die Spieler mit dem Ruf des "kaum schlagbaren" automatisch auf ein Podest. Von dort grinsen sie dich dann an, winken und du schaust zu ihnen auf. Du machst sie in deinem Kopf und in deinen Vorstellungen wesentlich größer und stärker, als sie eigentlich sind. Du verschwendest also bereits weit vor dem Match schon mehr Energie als gegen andere Gegner in einem tatsächlichen Match auf dem Platz. Vor dem ersten Ballwechsel scheinen die Karten bereits klar verteilt. Dabei kennst du diesen Spieler auf dem Podest gar nicht. Du kannst ihn gar nicht als individuellen Spieler mit seinen Stärken und Schwächen sehen, weil du nur seinen Ruf im Kopf hast. Doch jeder Spieler hat seine ganz individuellen Stärken und Schwächen. Wenn du deinen Gegner auf ein extrem hohes Podest hebst, wird es dir schwerer fallen, diese Stärken und Schwächen in einem Match zu entdecken. Bei jedem guten Ball dieses Gegners fährt es dir dann durch den Kopf: "Ja, stimmt. Der Typ ist wirklich viel zu gut für diese Liga. Was soll ich da bloß gegen unternehmen?". Deine Realität ist verzerrt.

Die Wirklichkeit

Da du nicht Rafael Nadal bist, hast du eine begrenzte Energie für ein Match zur Verfügung; mental wie auch körperlich. Du neigst dazu, gegen diese "unschlagbaren" Gegner deine vorhandenen Energien in beiden Bereichen sehr schnell zu verbrennen. Vielleicht führst du schnell 3:1 - verlierst dann aber 3:6 und 1:6. Warum ist das so? Deine Konzentration und Kondition laufen bis zum 3:1 auf Hochtouren. Immer wieder und wieder bist du gedanklich nach fast jedem Ballwechsel mit dem Ruf deines Gegners beschäftigt. Du wunderst dich dann, dass du führst. Und bist fest davon überzeugt, dass dies ja gar nicht wahr sein kann. Deine Konzentration auf die Realität, das Match, schwindet wie der große Vorsprung in der Weltrangliste von Novak Djokovic: rasant. Du legst in den ersten Satz alles, was dir an Energie zur Verfügung steht, um dann vollkommen platt den zweiten Satz sang- und klanglos zu verlieren. Du unterschätzt dabei den mentalen Aspekt. Du unterschätzt das Podest, auf welches du deinen Gegner vor dem Match gehievt hast. Du unterschätzt deine eigenen Fähigkeiten auf dem Platz. All dies führt dazu, dass du an diesen Gegnern zwar irgendwie im Match dran bist, aber nicht an ihnen vorbeikommst.

Weg mit dem Podest

Lass die anderen Spieler reden. Niemand ist unschlagbar. Stelle keinen deiner Gegner auf ein Podest, von welchem du ihn hinterher nicht mehr runter bekommst. So schonst du deinen Energiehaushalt und kannst mit voller Konzentration und Kondition das Match spielen. Sieh jeden Spieler mit seinen individuellen Stärken und Schwächen. Und nutze diese auch. Schiebe all die Meinungen der anderen zur Seite und siehe nur das, was die Realität dir zeigt. Nämlich das Match auf dem Platz. Je weiter du deinen Gegner vom Podest holst, desto besser wirst du dich auf das Match konzentrieren können. Du wirst auch bei den wichtigen Punkten fokussiert sein und deine Chancen erkennen und im besten Falle nutzen. Anstatt bei 3:1 vollkommen verblüfft festzustellen, dass du für den Rest des Matches keine Energie mehr hast.