All or Nothing

Von Adrian Franke
Mittwoch, 10.05.2017 | 10:00 Uhr

Die Arizona Cardinals galten als ganz heißer Kandidat auf einen Quarterback in der ersten Runde des Drafts - am Ende holten die Cards erneut keinen einzigen Rookie-Quarterback. Das wirft mittel- und langfristige Fragen auf, doch der Ansatz für 2017 ist klar: All or Nothing.

Die Cardinals gingen in den vergangenen Wochen mit Blick auf den Draft betont offensiv mit der Quarterback-Thematik um. Coach Bruce Arians sprach von einer "einzigartigen Situation, weil Carson mittwochs nicht trainiert und der Rookie mit dem ersten Team arbeiten könnte". Natürlich funktioniere das nur, "wenn wir das Glück haben, einen [Quarterback] zu bekommen".

Geschäftsführer Steve Keim erklärte, dass es "keinen Tag gibt, an dem ich nicht darüber nachdenke. Um diese Organisation langfristig in eine gute Position zu bringen, müssen wir ohne Zweifel einen Franchise-Quarterback finden." Vor allem Mitchell Trubisky, so die Berichte, habe Keim bereits Wochen vor dem Draft auf dem Schirm gehabt.

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Und selbst Palmer betonte bei PFT Live: "Ich will mich nicht selbst zu sehr loben, aber ich denke, ich bin ein ziemlich guter Mentor. Ich hatte viele großartige Mentoren und Vorbilder, Leute, zu denen ich aufgesehen und von denen ich viel gelernt habe. Daher weiß ich, wie man das angeht. Ich mache das jetzt schon seit einer ganzen Weile."

Folgerichtig galt Arizona als ganz heißer Kandidat auf einen QB, und das nicht zuletzt, weil Palmer, genau wie Larry Fitzgerald, unmittelbar nach Saisonende mit einem möglichen Rücktritt kokettierte. Doch in der ersten Runde des Drafts schauten die Verantwortlichen dann gemütlich zu, wie nach drei teilweise wilden Trades Deshaun Watson, Mitchell Trubisky und Patrick Mahomes vor ihnen vom Board gingen.

Arizona geht also auch 2017 ohne Quarterback-Nachwuchs in die Saison. Und das ist eine klare Botschaft.

All or Nothing

Als die Cardinals während der Saison 2015 durchweg von einem Kamera-Team begleitet wurden, stand die daraus resultierende Amazon-Serie unter dem Motto "All or Nothing". Die Produzenten hatten bei der Team-Auswahl ein gutes Gespür bewiesen, ein Cardinals-Team mit einigen jungen Spielern und einer äußerst aggressiven Offense stürmte bis ins Championship Game - wo es dann allerdings gegen die Panthers ein ungemütliches Erwachen gab.

Doch bei allem Erfolg - die Serie war so populär, dass sie fortgesetzt wurde und Amazon in der Vorsaison die Rams begleitete - könnte man trotzdem noch einen kleinen Kritikpunkt finden. Zumindest mit einem Augenzwinkern: Denn die wahre "All or Nothing"-Saison für Arizona war nicht 2015. Sie ist 2017.

Das ist aus Sicht der Cardinals schon fast schmerzhaft offensichtlich: Sowohl Palmer als auch Fitzgerald könnten nach der kommenden Saison die Pads endgültig an den Nagel hängen und trotz aller Ankündigungen läuft Arizona akut Gefahr, wie schon vor einigen Jahren nach Kurt Warners Karriereende, die wohl frustrierendste Zeit für ein NFL-Team zu durchlaufen: Die Suche nach einem Franchise-Quarterback, ohne einen möglichen Kandidaten in den eigenen Reihen zu haben.

Das Zauberwort heißt "Flexibilität"

Während dieses Damoklesschwert unbestreitbar und zunehmend tiefer über der Wüste schwebt, ist der Fokus - das wurde im Draft deutlich - auf das Hier und Jetzt gerichtet. Die Cardinals nutzten ihre ersten beiden Picks, um die Defense zu stärken, und das auf eine hochinteressante Art und Weise.

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Mit Linebacker Haason Reddick und Safety Budda Baker kamen zwei Spieler, die ins Scheme passen und die Pläne zumindest zu einem gewissen Grad verdeutlichen: Arizona setzt eine äußerst spannende Defense zusammen, mit einem klar erkennbaren Muster: Flexibilität, Aggressivität und Explosivität sind Trumpf.

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Baker erinnert mit seiner Spielweise an Tyrann Mathieu, es ist davon auszugehen, dass beide gemeinsam auf dem Platz stehen. Beispielsweise einer als Free Safety und einer als Slot-Corner, oder aber auch beide in der Front Seven. Beide können als tiefer Safety, Slot-Corner, Slot-/Run-Blitzer und generelle Matchup-Spieler rund um die Line of Scrimmage eingesetzt werden. In Kombination mit Deone Bucannon gibt das Arizona bereits drei Spieler, die es dem Gegner schwer machen, die Defense zu lesen und Arizona Matchup-Vorteile geben.

Der vierte im Bunde ist Reddick. Als eine Art Pass-Rusher-/Inside-Linebacker-Hybrid ist er ein 3-Down-Spieler, der auch in Coverage überzeugt. Genau wie Bucannon und der zurückgeholte Routinier Karlos Dansby ist Reddick auch ein brandgefährlicher Blitzer, und noch ein weiterer Aspekt fällt bei seinem Tape auf: Reddick wurde im College häufig als QB-Spy eingesetzt - mit Blick auf Division-Gegner Seattle und Russell Wilson ein nicht unwichtiger Bereich für die Cardinals. In Kombination mit dem Pass-Rush-Duo Chandler Jones/Markus Golden sollte es jedenfalls nicht an Feuerkraft in der Front Seven fehlen.

"Diesen Pick nicht erzwingen"

Und doch kam man in Arizona in den Tagen nach dem Draft um die Quarterback-Frage nicht herum. "Wir haben die drei Jungs eingehend untersucht. Aber am Ende des Tages war Haason Reddick der am höchsten eingestufte Spieler auf unserem Board. Seitdem ich Geschäftsführer wurde, war es schon immer meine Maxime, diesen Pick nicht zu erzwingen", betonte Keim nach dem Draft bei Sirius XM mit Blick auf Mahomes, Trubisky und Watson.

Schließlich sei es "ohne Zweifel eine Liga, die von den Quarterbacks bestimmt wird, und man muss seinen Quarterback für die Zukunft finden. Aber gleichzeitig kann es dich in Schwierigkeiten bringen, wenn du diesen Pick erzwingst. Und wenn dein Instinkt und dein Bauch dir nicht sagen, dass es der Richtige ist, kann dich das drei oder vier Jahre zurückwerfen."

Sollte es tatsächlich so passiert sein - und sollten nicht etwa die Chiefs oder Texans Arizona mit ihrem Trade auf dem falschen Fuß erwischt haben - dann lässt sich Keims Haltung nicht kritisieren. Krampfhaft einen Quarterback in der ersten Runde des Drafts holen zu wollen, der sich dann eben nicht als der überraschende Franchise-Quarterback entpuppt, kann ein Team schwer treffen. Einige Beispiele aus den vergangenen Jahren sind die Vikings mit Christian Ponder, die Titans mit Jake Locker, oder auch die Jaguars mit Blaine Gabbert.

Mehrere Fragen bleiben

Doch bei all dem Lob darf man sich trotzdem auch fragen, wie stark dieses Cardinals-Team ab September wirklich sein kann. Die Abgänge insbesondere von Calais Campbell - für den Vorjahres-Top-Pick Robert Nkemdiche übernehmen soll - und Tony Jefferson haben weh getan, der zweite Cornerback-Platz gegenüber von Patrick Peterson bleibt eine offene Frage.

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Und dann gibt es natürlich auch noch die Offense, wo alles mit der Offensive Line steht und fällt. Hier hatte Arizona in der vergangenen Saison enorme Probleme, und das nicht nur aufgrund einiger Verletzungen. Palmer fing sich zwar in der zweiten Saisonhälfte und zeigte, dass er noch etwas im Tank hat, vor allem die Kritik an seiner Armstärke lässt sich anhand des Tapes überhaupt nicht belegen.

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Allerdings funktioniert Arizonas im Kern auf mittellange und lange Pässe ausgelegte Offense nur, wenn die Protection standhält. 2016 war das viel zu selten der Fall. Ein Jahr später ist es nicht ausgeschlossen, dass Rookie-Guard Dorian Johnson früh Snaps sieht. Dazu kommen Fragezeichen rund um das Receiving-Corps, und das nicht erst seit dem unrühmlichen Abgang von Michael Floyd. John Brown hat seine Sichelzellerkrankung übereinstimmenden Berichten zufolge nach einer mehr oder weniger verlorenen Saison im Griff, seine Präsenz wäre enorm wichtig.

Denn neben dem allzeit verlässlichen Larry Fitzgerald (107 Receptions letzte Saison waren Liga-Höchstwert) im Slot und Speedster J.J. Nelson außen wird es dann schon übersichtlich. Jaron Brown kommt nach einem Kreuzbandriss zurück, Drittrunden-Pick Chad Williams ist eine relative Unbekannte. Große physische Möglichkeiten und Produktion im College, allerdings ein Small-School-Spieler - mit denen aber hat Arizona über die letzten Jahre bekanntermaßen immerhin gute Erfahrungen gemacht.

Es gibt immer einen nächsten Draft

Das trifft unter anderem auch auf David Johnson zu, ohne jede Frage ein Top-3-Running-Back aktuell und in der vergangenen Saison ganz klar der Mittelpunkt der Offense. Arizonas Run-Blocking war deutlich besser, als die Pass-Protection. Doch auch hier wird die Rotation noch interessant: Andre Ellington wurde zwar gehalten, soll aber verstärkt als Receiver eingesetzt werden.

Dahinter kommen Kerwynn Williams und Rookie T.J. Logan, der womöglich eher als Returner eingeplant sein könnte. Eine andere Position, die seit Jahren immer wieder problematisch ist. So ergibt sich unter dem Strich das Bild eines noch immer hochtalentierten Teams mit einigen spannenden Aspekten. Es ist aber auch ein Team, das auf dem Platz mehrere kritische Fragen beantworten muss, ehe man es nochmals in den erweiterten Contender-Kreis einordnen kann.

In der leidigen Quarterback-Frage verweist Keim derweil auf das nächste Jahr - und startet im Prinzip genau das Spiel neu, das Arizona in den Wochen vor diesem Draft gespielt hat: "Wenn ich jetzt nach vorne schaue, ist klar, dass man bereits ein Auge auf den kommenden Draft richtet. Wir haben eine Idee im Kopf, welche vier oder fünf Jungs uns helfen könnten. Und man schaut natürlich auch in die Free Agency, wo Quarterbacks verfügbar sein könnten. Dazu kommen Trade-Optionen."

Irgendwo da draußen, ist sich Keim sicher, gibt es Arizonas Quarterback der Zukunft. "Aber gleichzeitig leben wir auch im Hier und Jetzt. Und Jungs wie Carson und Larry verdienen ohne jede Frage das Beste." All or Nothing eben.

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