Moneyball-Pionier Billy Beane im Interview: "Gut, dass Kepler nicht zu Bayern ging"

Von Daniel Herzog
Dienstag, 05.12.2017 | 02:41 Uhr

Billy Beane, der Vice President of Baseball Operations der Oakland Athletics, ist bekannt für sein Moneyball-Prinzip, das den Sport einst revolutionierte. Bei SPOX spricht der 55-Jährige über die Faszination des Baseball. Er äußert sich zum Wandel, den die MLB während seiner Zeit im Amt durchlief - und warum er von Max Kepler begeistert ist.

SPOX: Herr Beane, SPOX ist nun das neue Zuhause der Major League Baseball in Deutschland. Erklären Sie uns doch einmal, warum ein deutscher Fan Baseball verfolgen sollte. Was macht den Sport so besonders?

Billy Beane: Nun, wenn Sie Deutscher sind, sollten Sie sich Max Kepler anschauen. Er ist einer der schillernden jungen Stars des Spiels und eine großartige Story. Kepler ist ein großartiger Athlet, der durchaus Chancen im Fußball hatte. Es geht darum, die besten Athleten der Welt zu sehen: Wenn die heutigen Baseball-Spieler in Deutschland aufgewachsen wären, würden sie in den Nationalmannschaften spielen.

SPOX: Mike Trout neben Toni Kroos?

Beane: Mike Trout würde in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spielen. Das Tempo im Baseball ist ein anderes als im Fußball. Im Fußball ist das Spiel ständig in Bewegung, aber man hat dieselbe Strategie - vielleicht ist im Baseball sogar mehr Strategie dabei, dazu kommt noch die Athletik. Ich glaube, dass unsere heutigen Baseball-Profis sicherlich auch in der Bundesliga spielen könnten - nicht, dass sie besser wären als die aktuellen Bundesligaspieler, aber dort hat man Athleten der gleichen Güteklasse. Und diese Athletik sieht man in der MLB: Man sieht diese Fähigkeiten, wenn ein Baseball mit 100 Meilen pro Stunde angerauscht kommt. Es braucht eine enorme Menge Geschick, um einen runden Baseball mit einem runden Schläger zu treffen, und zwar hart, und in eine Richtung zu schlagen, wo niemand steht. Und vergessen Sie nicht, dass auch der Faktor Angst eine Rolle spielt.

SPOX: Wieso denn das?

Beane: Ein 100 Meilen schneller Baseball könnte Sie im Gesicht treffen. Auch das ist ein Element des Spiels. Wenn man das Spiel kennen lernen will, sind die Regeln aber wahrscheinlich das größte Hindernis. Das ist ähnlich wie bei Cricket. Wenn man sie aber erst einmal verstanden hat, wird man die Strategie und die Art des Spiels zu schätzen lernen und verstehen, warum die Spieler so großartig sind. Und hoffentlich haben die Fans dann auch ein Lieblingsteam - am besten natürlich die Oakland Athletics!

SPOX: Sie haben Max Kepler schon angesprochen. Wir haben Dirk Nowitzki in der NBA, der Basketball in Deutschland noch einmal populärer gemacht hat. Glauben Sie, dass Kepler dasselbe für Baseball tun kann?

Beane: Das hoffe ich, ja. Er spielt zwar für einen direkten Konkurrenten von uns, aber ich bin ehrlich: Ich drücke ihm die Daumen, denn dieser Junge ist eine großartige Story und es ist großartig, dass Baseball einen deutschen Top-Athleten bekommen hat, und nicht Bayern München. Genauso wie ich es liebe, wenn ein Amerikaner in die Bundesliga geht, was nicht oft passiert. Aber ich hoffe, dass es viele junge deutsche Kinder gibt, die wegen Max Kepler mit dem Baseball anfangen. Denn manchmal fängt es so an.

SPOX: Baseball ist gerade in Europa eine Randsportart.

Beane: Wir haben bereits Spieler aus Lateinamerika, der Dominikanischen Republik, Kuba und Japan in der Liga, aber es wäre super, wenn wir auch Zugriff auf die besten Athleten aus Deutschland, Italien, Frankreich und dem Rest der Welt hätten. Es würde das Spiel noch viel besser machen - und sicherlich auch interessanter, denn die Welt ist kleiner geworden als früher und wir befinden uns im Wettbewerb. Die Yankees wollen, dass Bayern-Fans zu Yankee-Fans werden. Man kann wahrscheinlich beides sein, aber wir stehen alle im Wettbewerb, um mehr und mehr Leute zu Fans unserer Teams und unseres Sports zu machen.

SPOX: Inwiefern sind das wirklich Fans? Als deutscher Bayern-Fan wird man selten in der Lage sein, ein Yankees-Spiel zu besuchen ...

Beane: Man kann jedes Spiel jeden Abend besuchen. Sie wissen schon, über TV, Internet et cetera. Das ist das Schöne daran. Ich bin großer Arsenal-Fan, obwohl ich als Kind nie Fußball gespielt habe. Aber nun bin ich Fan und kann jedes Spiel schauen, auf dem iPad oder Handy. Und das ist das Gute daran, dass die MLB jetzt Spiele in Deutschland überträgt. Irgendwo schaut dann mal ein kleines Kind zu und fängt später an zu spielen. Für diese spätere Signalwirkung braucht es nur wenige. Sie haben Dirk Nowitzki erwähnt, ein großer deutscher Spieler. Oder denken Sie an Yao Ming in China: Als er in die NBA kam, war sein Trikot sofort der Bestseller in der Liga. So verbreitet sich dein Sport bis hin zu Leuten, die nie daran interessiert waren. Als ich damals bei der WM 2006 war, konnte ich unsere Spiele von München aus schauen - auch wenn das um 3.30 Uhr morgens war. Das ist das Großartige an den Übertragungen. Hoffentlich wird es auch im Rest Europas weiter so gehandhabt.

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