adidas-Chefdesigner Jürgen Rank im Interview

"So ähnlich wie bei James Bond…"

Von Timo Janisch
Freitag, 03.06.2016 | 22:21 Uhr
© getty

Kaum ein Thema polarisiert so sehr wie die Gestaltung von Fußballtrikots. Page 2 hat sich mit jemanden unterhalten, der darüber so viel weiß wie kaum ein Zweiter: Jürgen Rank, Chefdesigner bei adidas. Ein Gespräch über Designprozesse, Kritik, Gefühle - und die Zukunft der Branche.

Nicht etwa Karl Lagerfeld, Giorgio Armani oder Ralph Lauren haben den Mode-Sommer 2016 fest im Griff. Nein, der wohl größte Trendsetter der warmen Jahreszeit, speziell der Zeit zwischen dem 10. Juni und 10. Juli hört auf den Namen Jürgen Rank.

Dieser ist seit 2004 als Chefdesigner Leiter eines internationalen Teams von Trikotdesignern bei adidas und bestimmt somit maßgeblich die Spielkleidung der vielen von adidas ausgestatteten EM-Teilnehmer.

Was er und seine Kollegen sich im berühmten Herzogenaurach für diesen Sommer ausgedacht haben, verrät er uns im Interview. Außerdem gibt er SPOX anhand des DFB-Jerseys einen Einblick, wie der Prozess der Gestaltung eines Trikots abläuft.

Page 2: Herr Rank, bitte erklären Sie uns, wie der Designprozess eines Trikots abläuft.

Jürgen Rank: Wir sprechen von einem Prozess, der ungefähr zwei Jahre in Anspruch nimmt. Ganz aktuell sind wir schon bei den Entwürfen für die WM 2018. Nach einer Inspirations- und Brainstormingphase folgen erste Entwürfe, Abstimmungen mit dem DFB, Anproben für die Spieler und schließlich die Präsentation für die Öffentlichkeit.

Page 2: Welche Faktoren beeinflussen grundsätzlich das Aussehen der Spielkleidung?

Rank: Wir haben buchstäblich ein Ohr auf der Straße, sprechen mit Fans und Fußballern darüber, was die jeweiligen Mannschaften für sie symbolisieren. Außerdem lassen wir uns von der Mode inspirieren, schauen auch auf Fashion-Messen, wohin der Trend geht und was "in" ist. Der Look des DFB-Auswärtstrikots ist an den Style der modernen Straßenfußballer angelehnt. Als besonderen Clou haben wir noch ein Trainingsleibchen ins Trikot integriert. So kann man durch "Linksdrehen" auf dem Bolzplatz das ewige Problem "Hell gegen Dunkel" lösen.

Page 2: Wie schwer ist es, Design und Nationalität beim Gestalten eines Trikots gleichermaßen zu berücksichtigen?

Rank: Ein gutes Trikot-Design zeichnet sich durch Innovation einerseits und die Tradition eines Teams andererseits aus. Jedes Trikot muss zur jeweiligen Mannschaft passen und deren Werte widerspiegeln. Hierfür stimmen wir uns immer intensiv mit unseren Partnern ab.

Page 2: Inwiefern haben Akteure oder Verantwortliche der Nationalverbände - beispielsweise der DFB - Mitbestimmungsrecht beim Designen der Trikots?

Rank: Adidas ist seit Jahrzehnten ein enger Partner des DFB. Dementsprechend beziehen wir den Verband selbstverständlich frühzeitig mit ein. Und wir würden einen schlechten Job als Trikot-Designer machen, wenn wir nicht stetig im Austausch mit denjenigen wären, die die Trikots tragen: mit den Fußballern.

Page 2: Fans sind oft unzufrieden mit den Jerseys ihrer Nation. Wie nehmen sie sich Kritik zu Herzen und wo haben die Fans Einfluss?

Rank: Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Und es ist doch so: Bleibt man auf bewährten Pfaden, heißt es: langweilig! Machen wir etwas Neues, ist die Aufregung groß. Jede Naht, jedes Detail kann Gefühle wecken. Beim WM-Trikot für 2014 gab es sogar Petitionen gegen die weißen Hosen und nun sagen dieselben Fans, das damalige Outfit sei besser als das jetzige gewesen. Die emotionale Verbindung hat einen ziemlichen Einfluss darauf, wie ein Trikot wahrgenommen wird. Es bleibt ja im besten Fall ewig in den Köpfen.

Page 2: Welche Neuerungen am Material hat es im Vergleich zum letzten großen Turnier - der Weltmeisterschaft 2014 - gegeben und was bringen sie?

Rank: Die Trikots enthalten die neueste Generation unserer Funktionsfasern. Sie sind dadurch noch leichter geworden und halten die Spieler dank unserer Climacool-Technologie schön kühl.

Die Trikots der EM-Teilnehmer

Page 2: Fällt es leichter National- statt Vereinstrikots zu gestalten? Schließlich muss bei den Vereinsmannschaften auch der Trikotsponsor untergebracht werden?

Rank: Es ist in der Tat etwas einfacher Trikots für Nationalmannschaften zu entwerfen, da die Platzierung des Sponsors entfällt. Aber der Design-Prozess macht bei den Vereinsmannschaften genauso Spaß. Wir genießen die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Wichtig ist, dass das Kit als Ganzes am Ende von Kopf bis Fuß funktioniert und visuell harmoniert.

Page 2: Lässt es sich erahnen, in welche Richtung sich Design und Technik in den nächsten Jahren - etwa bis zur Weltmeisterschaft 2018 - entwickeln werden?

Rank: Zwei unserer Kernkompetenzen sind Innovation und Weiterentwicklung. Wir haben dazu eine eigene Innovationsabteilung im Haus, die uns neue Ansätze für zukünftige Trikots liefert. Man muss sich das ein bisschen wie die "Abteilung Q" in James Bond Filmen vorstellen. Es ist faszinierend, was da an Geräten steht. Zum Beispiel ein Roboter-Bein, das Bälle und Schuhe testet, oder eine Testkammer, in der verschiedene Wetterverhältnisse simuliert werden. Und schon bald zeigt uns diese Abteilung die nächste Generation an Trikots - und wer weiß, vielleicht sehen wir dort wieder ein Weltmeister-Jersey. Mehr verraten darf ich allerdings noch nicht. Das ist auch so ähnlich wie bei James Bond...

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