Erfrischend emotionslos

Von David Theis
Mittwoch, 20.04.2016 | 17:07 Uhr
© getty

Ilkay Gündogan wird den BVB wohl zum Saisonende verlassen um sich Pep Guardiolas neuem Fußballprojekt Manchester City anzuschließen. So groß der sportliche Verlust auch sein mag: Dem Abschied ihres vielleicht wichtigsten Mittelfeldstrategen stehen zumindest Borussias Fans betont emotionslos gegenüber. Mit Gündogan wurde der Dortmunder Anhang nie wirklich warm, gefühlt steht er schon seit Jahren vor dem Absprung. Es ist das Ende einer Zweckgemeinschaft.

Schon als Ilkay Gündogan im Sommer 2011 beim BVB anheuerte, hatte der zukünftige Ex-Dortmunder einen schweren Stand. Es galt niemand geringeren als Publikumsliebling und Leistungsträger Nuri Sahin zu ersetzen - ein Rolle, die den jungen Gelsenkirchener über weite Strecken seiner ersten Saison förmlich zu erdrücken schien.

Sicherheitspässe und mangelnde Spielübersicht ließen Fans wie Trainer verzweifeln, zwischenzeitlich verlor das Talent gar seinen Kaderplatz. Nur die wenigsten rechneten damals wohl mit der Leistungsexplosion, die Gündogan im letzten Saisondrittel 2011/2012 zeigen sollte.

Binnen kürzester Zeit stieg der ehemalige Nürnberger jedoch zum Inbegriff des modernen Achters auf und trug maßgeblich zur zweiten Meisterschaft unter Jürgen Klopp bei. Es sollte noch ein gutes Jahr vergehen, bis Gündogan seinem Arbeitgeber über 14 Monate wegen einer Rückenverletzung fehlte.

Wechselgerüchte als ständiger Begleiter

Bereits im Verlauf der Saison 2012/2013 mehrten sich die Gerüchte um einen baldigen Abschied des mittlerweile zum Chefstrategen aufgestiegenen Jungstars. Gündogan vermied dabei stets ein klares Bekenntnis zum Verein. Seinen Traum vom europäischen Ausland dagegen betonte der stille Musterprofi während seiner zweiten BVB-Saison regelmäßig.

Als Gündogan schließlich trotz einer langwierigen Verletzung äußerst zögerlich einer Vertragsverlängerung um nur ein Jahr zustimmte, dachte ein Großteil der schwarz-gelben Anhänger bereits das geschickte Taktieren eines abwanderungswilligen Söldners hinter seinem Verhalten erkannt zu haben.

Der Verdacht, Gündogan wolle sich nach (vermeintlich) überstandenen Rückenbeschwerden noch einmal ein Jahr lang auf dem Markt anbieten, um den BVB dann für eine vergleichsweise niedrige Summe zu verlassen, lag nahe. Allein: Es sollten weitere neun Monate vergehen, bis Dortmunds verhinderter Superstar wieder ein Bundesligaspiel absolvierte. Gündogans Vertrag lief zu diesem Zeitpunkt erneut aus - und die Hängepartie begann von vorne.

Als sich Verein und Spieler nach gescheiterten Wechselversuchen schließlich wieder auf eine einjährige Verlängerung verständigten, war die Angelegenheit längst zu einer Saga angewachsen. Bei Dortmunds, durch die vergangenen Wechsel von Sahin, Kagawa, Götze und Lewandowski bereits nachhaltig in ihrer (echten) Liebe gekränkten Fans, hat Gündogan seinen Kredit seither verspielt.

Eine sportliche Ausnahmeerscheinung

Dass sich Trainer der Kategorie Guardiola um Borussias Spielgestalter reißen, ist indes nicht verwunderlich, gehört er doch zu einer so seltenen wie nützlichen Fußballergattung. Zentrale Mittelfeldspieler, die auf einem hohen Niveau Pressingresistenz, Zweikampfstärke und Spielübersicht miteinander verbinden, sind bereits seit Jahren einer der wichtigsten Bausteine für die Planung von dominant auftretenden Spitzenteams.

Von Madrid über Barcelona bis Bayern München: Ohne Modric, Iniesta oder Lahm (bzw. Thiago), die mit ihrer Beweglichkeit auch in engen Spielsituationen Räume aufzureißen vermögen und gleichzeitig ein gutes Gespür für die Laufwege ihrer Mitspieler haben, steigt die Gefahr eines statischen und leicht ausrechenbaren Aufbauspiels.

Manchester City kann davon ein Liedchen singen - und will deshalb Gündogan. Im Umkehrschluss wird dieser aufgrund seines besonderen Fähigkeitenprofils für den BVB beinahe unmöglich, bzw. nur durch mannschaftliche Veränderungen zu ersetzen sein. Dortmund steht also wie beinahe jeden Sommer der Verlust eines taktisch unverzichtbaren Spielers ins Haus.

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Besonders ärgerlich macht diesen Wechsel aus BVB-Sicht der Umstand, dass der eigene Kader lange nicht mehr so komplett und so perfekt auf die Vorlieben des Trainers abgestimmt wirkte, wie derzeit unter Thomas Tuchel. Es hat den Anschein, als fehlten dem Klopp-Nachfolger nur noch zwei bis maximal drei Ergänzungen, um wieder einen großen Titelgewinn in Angriff nehmen zu können.

Eine Chance zur Erneuerung

Dennoch muss Gündogans Abgang kein Rückschlag für die Ambitionen von Borussia Dortmund sein. Thomas Tuchels Idee vom schwarz-gelben Spiel zeichnet sich mehr als der zuletzt ausgebrannt wirkende Kraft- und Reaktionsfußball seines Vorgängers durch eine beeindruckende Variabilität aus, die die individuelle Veranlagung eines jeden Leistungsträgers beinahe perfekt in das sportliche Gesamtkonzept zu integrieren weiß.

Ein direkter "Nachfolger" für den scheidenden Regisseur muss also womöglich erst gar nicht gefunden werden, zumal der immer stärker werdende Julian Weigl Dortmunds Aufbauspiel künftig auf ein neues Level anheben dürfte. Dass Borussias Anhang schon lange mit Gündogan abgeschlossen hat, kann möglichen Neuverpflichtungen als druckmindernder Faktor (man vergleiche den zunächst holprigen Übergang von Sahin zu Gündogan) zusätzlich zugute kommen.

Die "Ehe" mit Ilkay Gündogan war aus Sicht der BVB-Fans schon immer ein Auf- und Ab aus langen Beziehungspausen und zögerlichen Wiederannäherungsversuchen. Die transparenten Karrierepläne des Spielers haben seinen Vorgesetzten derweil genügend Zeit für die sportliche Zukunftsplanung gegeben. Gündogans Wechsel scheint insofern weniger eine Katastrophe für Verein und Anhang, als ein für alle Seiten vorteilhafter Abschied zu sein.

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