Mehr als nur der erste Hype

Von David Theis
Donnerstag, 10.03.2016 | 13:53 Uhr
© getty

Thomas Tuchel machte ihn zum achtjüngsten Bundesligadebütanten aller Zeiten, Jürgen Klinsmann bescheinigt ihm ein "unglaubliches Talent", die Hoffnungen US-amerikanischer Fußballfans ruhen bereits seit seinem 15. Lebensjahr auf ihm. Doch wer ist dieses Juwel, das bei Borussia Dortmund zuletzt sogar Fritz-Walter-Medaillen-Gewinner Felix Passlack überflügelte?

Es ist im Winter 2013, als Christian Pulisic das erste Mal bei einem internationalen Jugendturnier, den "Nike International Friendlies", groß in Erscheinung tritt. Nicht nur hier, sondern auch im darauffolgenden "Mercedes-Benz Aegean Cup" führt er die U-17-Nationalmannschaft der USA zum Titel.

Der damals 15-Jährige aus dem beschaulichen Hershey, Pennsylvania, sticht aufmerksamen Beobachtern durch die Technik, Übersicht, Beweglichkeit und Explosivität ins Auge, die er in die im US-Fußball so sträflich unterbesetzte Rolle der "Nr. 10" einbringt.

Auch Pulisic' emsige Pressingbemühungen fallen auf und bringen ihm zu Hause gar vereinzelt das Label des Arbeiterklassefußballers ein. Der Beginn eines großen Hypes.

Außen Hype - innen bodenständig

Pulisic' Profil des fleißigen Edeltechnikers klingt zweifellos wie gemacht für Borussia Dortmund, wo er seit dem Frühjahr 2015 unter Vertrag steht. Dass er bereits vor seinem 18. Geburtstag für seinen ersten Profiklub auflaufen darf, verdankt er den kroatischen Wurzeln von Großvater Mate: Mit der Beantragung einer doppelten Staatsbürgerschaft umging der BVB die üblicherweise bei Transfers aus dem interkontinentalen Ausland geltenden Regeln für minderjährige Spieler.

Jedoch wollen sowohl Borussia Dortmund, als auch Vater Mark Pulisic, ein ehemaliger Fußballprofi und Christians Manager, den begabten Spross behutsam aufbauen. Dabei kommt ihnen dessen Charakter erheblich entgegen: Pulisic Junior gilt als sehr bodenständig und fokussiert.

Sahin als helfende Hand

Die Top-Torjäger der Bundesliga 2015/16

Bill Becher, Coach der Harrisburg City Islanders, wo der flexibel einsetzbare Offensivspieler mit den Profis trainierte, um sich auf Europa vorzubereiten, beschreibt ihn als sehr anpassungsfähig und selbstbewusst, ohne jedoch überheblich zu sein. Zudem lobt Becher den Youngster für dessen klugen Entscheidungen auf und abseits des Platzes. Pulisic, so die einhellige Meinung seiner diversen Förderer, sei ein ruhiger Zeitgenosse, der sich durch ein schnörkelloses Spiel und einen ausgeprägten Lernwillen auszeichne.

Den trotz dieser Qualitäten großen Entwicklungsschritt von den Islanders sowie dem Jugendentwicklungsteam Pennsylvania Classic (Pulisic' letztem festen Klub in den Staaten) zum BVB, erleichtern ihm seine neuen Mitspieler.

Dabei sticht vor allem einer hervor, der das Leben eines jugendlichen Stars nur zu gut kennt: Nuri Sahin hält noch immer den Rekord des jüngsten Bundesligaspielers aller Zeiten und ist laut Pulisic "die Sorte Kerl, die auf dich zugeht, den Arm um dich legt und dir zeigt, wie die Dinge laufen". Eine wichtige Stütze für den Neuankömmling, der laut seinem Vater den Sprung ins fremde Europa erst wagte, als er sich dafür mental gerüstet fühlte.

Physische Unterlegenheit als Stärke

Auf dem Platz kommt Pulisic seine im Vergleich zu Gleichaltrigen eher schmächtige Statur zugute. Während viele Topspieler seines Jahrgangs vor allem hervorstechen, weil andere Jugendliche schlicht (noch) nicht dasselbe athletische Niveau erreichen konnten, musste das Leichtgewicht schon immer cleverer und vor allem reaktionsschneller als seine Altersgenossen sein - und mehr kämpfen. Ein gutes Training.

Behilflich ist Pulisic auch seine schon früh geförderte Faszination für den Fußball. Beide Eltern waren zunächst Profispieler, dann Trainer. So kam er bereits während seiner Kinderjahre in den Genuss zahlreicher Fußballspiele am TV oder im Stadion - keine Selbstverständlichkeit im Heimatland von NFL, NBA und MLB.

Stammplatz schon in Sichtweite?

Nach drei Einwechslungen und einem unter schwierigen Begleitumständen absolvierten Startelfdebüt gegen rustikal agierende Leverkusener, berief Thomas Tuchel sein Juwel zuletzt nicht in den Profikader. Ein Rückschritt? Mitnichten. Seit den Winter-Abgängen von Adnan Januzaj und Jonas Hofmann gehört er wieder zum erweiterten Kreis des Kaders und ist einer der Kandidaten für die wichtige Backup-Rolle hinter Marco Reus und Henrikh Mkhitaryan.

Pulisic aber noch zwei weitere Sprossen auf der ohnehin bereits wie im Flug erklommenen Karriereleiter überspringen zu lassen, scheint seinen Vorgesetzten dennoch ein wenig zu viel des Guten zu sein.

So kündigte Tuchel unlängst an, ihm regelmäßige Auszeiten vom Profigeschäft gönnen zu wollen, damit das Talent die vielen neuen Erlebnisse auch richtig verarbeiten könne und zusätzlich im Meisterschaftsrennen der A-Junioren Erfahrung sammeln kann.

Doch die Aufstellungspolitik des BVB spricht im Hinblick auf die Zukunft eine deutliche Sprache. So fanden sich zuletzt unter anderem Shinji Kagawa oder Gonzalo Castro aus Leistungsgründen auf der Tribüne wieder - Moritz Leitner dagegen bekommt unter Tuchel eine neue, lange Zeit für undenkbar gehaltene, Chance.

Es scheint klar: Wer im Training überzeugt, der spielt. Keine schlechten Voraussetzungen also für den variablen Pulisic, der ein klares Ziel vor Augen hat: Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

Christian Pulisic im Steckbrief