Vom Landei zu Superman

Von Felix Götz
Montag, 22.08.2016 | 10:23 Uhr

Usain Bolt hat bei den Spielen in Rio seinen letzten Olympia-Auftritt absolviert. Der Jamaikaner schaffte den steilen Aufstieg vom Jungen vom Lande zu einem der größten Sportler aller Zeiten. Wie war das möglich? SPOX blickt noch einmal zurück.

Es gibt diese eine Szene beim Diamond-League-Meeting 2013 in London, die den Status von Usain Bolt perfekt beschreibt. Der Blitz aus Jamaika wurde auf einer riesigen Rakete mit Rädern ins Olympiastadion gefahren.

Lässig stand er in seinem grünen T-Shirt, mit Bermudas und der Sonnenbrille auf der Nase auf dem Geschoss und blickte ohne den Ansatz eines Lächelns ernst herunter. 60.000 Fans flippten aus, vergötterten den 30-Jährigen regelrecht.

"Ich bin der größte noch lebende Athlet. Ich bin ein Sprinter, aber auch ein Entertainer. Ich versuche, den Unterschied auszumachen - deshalb lieben mich die Leute", sagte Bolt einmal.

Mit seinem Auftritt in Rio hat er sich endgültig in den Olymp der Super-Sportler gehoben. Nach Peking 2008 und London 2012 schaffte er am Zuckerhut zum dritten Mal in Folge den aus 100 Meter, 200 Meter und 4x100 Meter bestehenden Gold-Hattrick.

Die perfekte Selbstinszenierung

Man darf debattieren, wie die Reihenfolge auszusehen hat. Keine Diskussion kann es aber darüber geben, dass unter den größten Sportlern aller Zeiten wie Muhammad Ali, Pele oder Michael Jordan auch sein Name auftauchen muss.

Bolt hält die Weltrekorde über 100 Meter (9,58 Sekunden), 200 Meter (19,19 Sekunden) und 4x100 Meter (36,84 Sekunden). Er hat neben seinen neun Olympiasiegen, die ihn in der Rangliste der erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten auf Rang sechs auftauchen lassen, elf WM-Titel vorzuweisen.

Mindestens so wichtig ist allerdings seine Fähigkeit zur perfekten Selbstinszenierung. Der dreimalige Weltsportler des Jahres beherrscht dabei das Kunststück, relativ frei von Bescheidenheit zu sein, gleichzeitig aber durch seine lässige Art trotzdem als sympathisch zu erscheinen.

Tränen der Nervosität

Das verwundert umso mehr, wenn man einen Blick auf seine Anfänge wirft. Usain St. Leo Bolt, wie er mit vollem Namen heißt, war nämlich als Teenager vor wichtigen Wettkämpfen derart nervös, dass er häufig in Tränen ausbrach und nur von seiner Mutter Jennifer beruhigt werden konnte.

"Ich sagte ihm dann, dass Gott auf seiner Seite ist", erklärte sie einmal. Usain habe dann geantwortet: "Okay, Mom. Ich werde versuchen, mein Bestes zu geben." Wohin das führen könnte, war in Jamaika bald einigen Leuten klar.

Sein Talent war durch seine Siege bei zahlreichen Schulmeisterschaften nicht verborgen geblieben - weder den wichtigsten Scouts des Landes noch den Eltern. "Er war einfach bei jedem Rennen der schnellste Läufer. So wurde uns mit der Zeit bewusst, dass er ein großer Leichtathlet werden könnte", erklärte seine Mutter.

Kindheit unter einfachsten Bedingungen

Bolt verbrachte seine Kindheit unter einfachsten Bedingungen in einem Dorf namens Trelawney Parish im jamaikanischen Niemandsland, wo seine Eltern bis heute einen kleinen Lebensmittelladen betreiben. Hier wurde auf Eseln geritten, es gab keine Straßenbeleuchtung und nur manchmal fließendes Wasser.

Nun wurde es aber Zeit, den nächsten Schritt zu gehen. Im Alter von 16 Jahren zog es ihn an die William Knibb Memorial High School in der Hauptstadt Kingston.

"In deinen Beinen steckt eine Gold-Mine"

In Kingston traf Bolt, der eine Schwester und einen Bruder hat, auf für seine spätere Karriere herausragend wichtige Personen. Die mussten ihm erst einmal klar machen, dass er sich auf das Sprinten konzentrieren solle. Bolt selbst spielte nämlich mit viel größerer Hingabe Cricket.

Seine Sportlehrerin Lorna Thorpe, die von Bolt als eine Art "zweite Mutter" beschrieben wird, konnte es irgendwann nicht mehr mit ansehen, nahm sich Usain zur Seite und erklärte ihm: "Junge, in deinen Beinen steckt eine Gold-Mine. Du musst sprinten." Die Leichtathletik wurde nach und nach zu seiner Passion.

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Ab 2004, Bolt war nun 18 Jahre alt, wurde Glen Mills zu seinem Mentor und Trainer. Der Chefcoach des Racers Track Club in Kingston. 33 Olympia-Medaillen holten jamaikanische Athleten unter seinen Fittichen für den Club, neun davon gehen auf das Konto von Bolt.

Unter den Fittichen von Mills

Mills gilt in der Szene als Mann mit Liebe zum Detail, ausgestattet mit einem perfekten Auge. Er erkennt Potenzial und entwickelt daraus Champions. Zu viele Worte zu verlieren, ist nicht sein Ding. Sagt er aber mal etwas, dann hat das Hand und Fuß.

Mills sah sich die seltenen anatomischen Voraussetzungen von Bolt genau an. Die Größe von 1,95 Meter, die beim Start eigentlich behindert, seine 1,10 Meter langen Beine mit einer Schrittlänge von 2,95 Metern - und machte das Beste daraus.

Er formte eine Sprint-Maschine, die zumindest in wichtigen Rennen so gut wie unbesiegbar ist. Bolt nennt Mills eine "Vaterfigur" und vergisst bei keiner Gelegenheit zu erwähnen, wie viel er seinem Mentor zu verdanken hat.

Sternstunden in Berlin

Die harte Arbeit machte sich mit der Zeit bezahlt. 2007 bei den Weltmeisterschaften in Osaka holte der Blitz aus Jamaika bereits zwei Mal Silber über 200 Meter und die 4x100 Meter. Ein Jahr später räumte er in Peking sein erstes Olympia-Gold-Triple ab.

So richtig in die Köpfe der deutschen Fans eingebrannt hat sich Bolts Auftritt bei der WM in Berlin. Am 16. August 2009 stellte er im Olympiastadion in 9,58 Sekunden den bis heute gültigen Weltrekord über 100 Meter auf. Er unterbot damit seine eigenen Bestzeiten von 2008 in New York (9,72) und Peking (9,69).

Vier Tage später brachte der Jamaikaner das Publikum ein weiteres Mal zum Durchdrehen. Er lief die 200 Meter in 19,19 Sekunden und verbesserte auch in dieser Disziplin seine eigene Weltrekordzeit von Peking 2008 (19,30). Bolt kam anschließend zwar nicht mehr dazu, diese Rekorde ein weiteres Mal zu brechen, die Erfolge und Titel purzelten trotzdem.

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Aus dem Jungen vom Lande wurde so ein Superstar mit einem satten Einkommen. Laut Forbes liegt der Sprinter 2016 auf Platz 32 der 100 bestverdienenden Sportler. Sein Einkommen soll bei 28,73 Millionen Euro liegen. Angeblich stammen davon nur 2,2 Millionen aus Antrittsgeldern und Preisgeldern, der Rest aus der Werbung.

Ein schwarzer Tag für die Leichtathletik

"Mit Hingabe, Arbeit, Schweiß und Tränen habe ich das alles erreicht und die Leichtathletik auf eine andere Ebene gehoben", sagte Bolt: "Und das alles natürlich sauber. Ich wollte es am meisten. Ich war nie zufrieden."

Das Gold in der 4x100-Meter-Staffel im Estadio Olimpico Joao Havelange war seine letzte Olympia-Heldentat. Nach der WM 2017 in London wird Schluss sein.

Es wird ein dunkler Tag für die Leichtathletik werden, weil sie ein Flaggschiff verliert, das in jeder Hinsicht absolut unersetzlich ist. Den wahrscheinlich größten Star seiner Geschichte, der längst nicht nur aufgrund seiner legendär gewordenen Sterndeuter-Pose so berühmt geworden ist.

Man wird ihn wohl so in Erinnerung behalten, wie es einst Super-Sprinter Michael Johnson ausgedrückt hat. "Bolt", sagte der viermalige Olympiasieger aus den USA einmal: "Das ist Superman II."

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