Olympia 2016: Basketball-Finale, Vorschau: Serbien - USA

Alles geben ist nicht genug

Von Thorben Rybarczik
Sonntag, 21.08.2016 | 15:53 Uhr

In der Vorrunde duellierten sich Serbien und die USA auf Augenhöhe. Nun treffen sie im Finale erneut aufeinander (ab 20:45 Uhr im LIVETICKER) - kann der Außenseiter den großen Favoriten ärgern oder läuft es wie vor zwei Jahren? Coach K warnt vor dem Teamgeist der Serben und fordert von seinem Team, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Milos Teodosic und Co. setzen auf ihren Teamgeist.

Man hat es schon nicht leicht als US-amerikansicher Basketballspieler. Da will man sich mal eben die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Rio abholen und nebenbei ein paar Gegner vermöbeln - doch dann sorgen diese Gegner dafür, dass das alles doch nicht so einfach ist wie zunächst angenommen.

Australien, Frankreich, Serbien - alle drei Nationen besaßen die Frechheit und forderten die NBA-Stars über die vollen 40 Minuten Spielzeit. Besonders die Serben trieben es auf die Spitze und schickten das Vorrundenspiel der Gruppe A mit dem Buzzer beinahe in die Verlängerung, doch der fein herausgespielte Dreier von Bogdan Bogdanovic prallte nur auf den Ring.

Durch zwei überzeugende Leistungen im Viertel- und Halbfinale bekommt die Mannschaft vom Balkan nun eine zweite Chance, diesmal im Finale. Es ist gleichzeitig das Rematch vom WM-Endspiel 2014 - doch darüber sollten Milos Teodosic und Co. besser nicht nachdenken. Das Duell ging vor zwei Jahren mit 129:92 an die NBA-Auswahl. Die Vorzeichen sind diesmal natürlich andere: Bis auf Kyrie Irving liest sich die Starting Five der USA komplett anders.

Einzelkönner vs. Kollektiv

"Anders" sind bekanntlich auch die Philosophien der beiden Teams. Das oft kritisierte und doch immer wieder erfolgreiche Eins-gegen-Eins der Superstars trifft auf den besten Teambasketball des Turniers, eine - gezwungenermaßen - immer wieder neu zusammengebastelte US-Auswahl auf einen eingespielten, serbischen Kern. "Wir verlassen uns zu sehr auf unser Talent. Das macht es so einfach, uns zu verteidigen. Wir müssen auch mal anfangen, den Ball zu bewegen", versuchte Paul George jüngst, die teameigene Vorgehensweise zu hinterfragen.

Schon das Vorrundenspiel zeigte die Unterschiede der Nationen deutlich auf, am Ende setzte sich das individuelle Talent durch. Mike Krzyzewski ist dennoch gewarnt: "Sie haben eine unglaubliche Kameradschaft, sie sind ein starkes Passing Team und spielen hervorragende Defense. Und sie werden mit Teodosic von einem der besten internationalen Spieler aller Zeiten angeführt - es wird sehr, sehr schwer", erklärte der US-Coach, der sein letztes Spiel an der Seitenlinie der Nationalmannschaft absolvieren wird.

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Bei all den Unterschieden sind die Kontrahenten aber in einem Punkt vereint: Wenn sie wollen, spielen sie eine tödliche Defense. Die USA forcieren durch aggressives Doppeln im Pick-and-Roll und durch ihr riskantes Antizipieren in den Passwegen zahlreiche gegnerische Ballverluste, die zu einfachen Punkten führen.

Ausrufezeichen gegen Spanien

Besonders gegen Spanien war die Verteidigung in einem zerfahrenen Spiel der Schlüssel: Die erfahrenen Iberer blieben bei einer Trefferquote von 38,9 Prozent und erzielten folgerichtig nur 76 Punkte. "Wenn wir mit diesem defensiven Einsatz weiterspielen, ist es sehr schwer, uns zu schlagen," zeigte sich Kevin Durant entsprechend zufrieden.

Bei den Serben geht es defensiv etwas konservativer zur Sache: Sie sind zwar auch in der Lage, vor allem abseits des Balles Blöcke zu switchen, legen aber nicht so viel wert auf den direkten Ballgewinn. Dafür schaffen sie es, die meisten Würfe zu erschweren und die Rebounds durch ihre Big Men Stefan Bircevic, Miroslav Raduljica und Nikola Jokic hochprozentig einzusammeln.

Beim Aufeinandertreffen in der vergangenen Woche holten die USA nur 9 Offensivrebounds (Serbien: 8), ihr Schnitt liegt bei 15,6. Beim Halbfinalsieg gegen Spanien beispielsweise waren die zahlreichen zweiten Chancen der USA ein entscheidender Faktor - fallen diese weg und bewegt sich ihre Trefferquote im menschlichen Bereich, spielt das den Serben in die Karten.

Nicht nur die ausgeglichene Rebound-Ausbeute beim 94:91-Sieg zeigte, wie verwundbar der Frontcourt ist. DeMarcus Cousins und DeAndre Jordan haben enorme Probleme, wenn sie von ihren Gegenspielern dazu gezwungen werden, den Zonen-Bereich zu verlassen. Beide Bigs waren kaum ein Faktor gegen Serbien und bekamen vom jungen Jokic (25 Punkte, 11/15 FG) ihre Grenzen aufgezeigt.

Genug ist nicht genug

Allerdings: All das ändert nichts daran, dass die USA als haushoher Favorit in dieses Endspiel gehen. Gegen Argentinien und Spanien spielten sie mit einer anderen Intensität als noch in den Gruppenspielen, und man sollte auch nicht unbedingt davon ausgehen, dass Klay Thompson und Carmelo Anthony wie beim "Hinspiel" ihre offenen Dreier reihenweise auf den Ring setzen.

Die engen Partien aus der Vorrunde haben bei den Stars zu einem - von den Gegnern sicherlich unbeabsichtigten - Weckruf geführt, das Auftreten und die Attitüde der Mannschaft ist eine ganz andere geworden.

Und ihnen ist bewusst, dass sie alles selbst in der Hand haben, wie auch Coach K untermalt: "Wir müssen nur unsere Balance erhalten. Wir dürfen uns nicht von Schiedsrichter-Entscheidungen oder ähnlichem ablenken lassen. Wenn uns das gelingt und wir besser verteidigen, bin ich sicher, dass sie nicht noch einmal 91 Punkte gegen uns erzielen."

Auch Teodosic schiebt die Favoritenrolle wenig überraschend den Amerikanern zu: "Sie sind sicherlich das beste Team des Turniers. Wir werden auf den Court gehen und unser Spiel durchziehen - und dann sehen, ob das genug ist."

Wahrscheinlich nicht.

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