Argentinien gegen Peru: Ein WM-Finale für tonnenweise Getreide

Von Nino Duit
Mittwoch, 04.10.2017 | 14:00 Uhr
© imago

In der Nacht auf Freitag (1.30 Uhr live auf DAZN) kämpfen Argentinien und Peru um die WM-Qualifikation. Das Spiel ist die Neuauflage einer der skandalträchtigsten Begegnungen der Fußball-Geschichte, des 6:0 von der WM 1978.

1978 musste Argentinien im eigenen Land Weltmeister werden. Die herrschende Militär-Junta um Diktator Jorge Videla wollte es schließlich so und richtete das Turnier auch nur deswegen aus. Und wenn sie in dieser dunklen Zeit etwas wollte, dann bekam sie es auch. In der knapp sieben Jahre andauernden Diktatur wurden in 340 Konzentrationslagern beispielsweise rund 30.000 Menschen erst gefoltert, dann getötet. Menschen, die sich der Militär-Junta entgegenstellten.

Selbstverständlich wurde also auch der Wunsch nach dem Weltmeistertitel im eigenen Land erfüllt. Dank Trainer Cesar Luis Menotti und seiner Mannschaft um Torjäger Mario Kempes und auch dank aller möglicher Hilfestellungen. Die ausrichtende FIFA interessierte all das genauso wenig wie die allgemein besorgniserregenden Zustände im Land. Auf dem Weg zu diesem Titel, den Argentinien letztlich in einem umstrittenen Finale mit 3:1 n.V. gegen die Niederlande gewann, passierte nämlich viel Dubioses. Und das Dubioseste alles Dubiosen war ein Spiel der Zwischenrunde gegen Peru.

Peru spielte ein starkes Turnier, überraschte in der Vorrunde mit einem Remis gegen den späteren Finalisten Niederlande sowie zwei Siegen in den übrigen Spielen und schloss die Gruppe mit 7:2 Toren gar als Erster ab. Alleine Stürmer Teofilo Cubillas, bis heute Rekord-Torschütze Perus, traf fünf Mal. Nach Niederlagen in den ersten beiden Spielen der Zwischenrunde war Peru aber bereits vor dem Duell mit Argentinien ausgeschieden.

Argentinien kämpfte dagegen noch mit dem Erzrivalen Brasilien um den Gruppensieg, der die Final-Teilnahme bedeutete. Um nach Punkten mit Brasilien gleich- und nach Toren vorbeizuziehen, musste Argentinien im abschließenden Zwischenrundenspiel im Estadio Gigante de Arroyito von Rosario mit mindestens vier Toren Differenz gegen Peru gewinnen. Das war deshalb bekannt, weil das Parallelspiel zwischen Brasilien und Polen nicht wie üblich zeitgleich, sondern bereits zuvor ausgetragen worden war.

Kabinen-Besuch vom Diktator

Nach einem ansprechenden Start der Peruaner - sie schossen sogar einmal ans Gebälk - brach die Mannschaft Mitte der ersten Halbzeit ein. Innerhalb von 51 Minuten kassierte der peruanische Torhüter Ramon Quiroga sechs Gegentore. Er selbst geriet schnell in den Verdacht der Manipulation, war er doch gebürtiger Argentinier und zeigte eine durchaus wechselhafte Leistung. Wechselhaft war auch die Leistung des französischen Schiedsrichters Robert Wurtz, der das vierte Tor trotz Abseits gelten ließ und bei seinen Zweikampfbewertungen zumeist zugunsten der Argentinier entschied.

Zugunsten der wohl aufgeputschten Argentinier. Autor David Yallop berichtete in seinem Buch "How they stole the game" von Doping in der argentinischen Mannschaft. Aussagen, die der peruanische Nationalspieler Jaime Duarte stützte. "Man musste ihnen nur in die Augen sehen", erinnerte er sich: "Große, weit aufgerissene Augen."

In einer später erschienenen Dokumentation behaupteten einige peruanischen Nationalspieler darüber hinaus, ihr Staatschef Francisco Bermudez hätte vor dem Spiel persönlich angerufen, um ein paar Dinge abzuklären. Sie berichteten auch von Kabinen-Besuchen des argentinischen Diktators Videla und sogar des US-amerikanischen Außenministers Henry Kissinger vor dem Spiel. "Da wurde Druck ausgeübt", erinnerte sich der Verteidiger Jose Velazquez.

50 Millionen Dollar und 35.000 Tonnen Getreide

2012 sagte schließlich der damals bereits 80-jährige peruanische Alt-Senator Genaro Ledesma vor dem Gerichtshof von Buenos Aires unter Eid aus, dass das Spiel manipuliert worden war. Die Staatschefs Bermudez und Videla höchstpersönlich hätten den Deal demnach untereinander ausgehandelt. Als Dank für die Final-Teilnahme wurden von der argentinischen Regierung 13 peruanische politische Gefangene freigelassen. Ledesma selbst sei einer davon gewesen.

Zusätzlich habe Argentinien Peru laut Autor Yallop Staatsschulden in Höhe von 50 Millionen Dollar erlassen und 35.000 Tonnen Getreide geschenkt. Mit LKWs wurden sie der Legende nach durch Bolivien Richtung Norden nach Peru gebracht. Um den Erfolg des Unterfangens zu sichern, sollen drei peruanische Nationalspieler jeweils 20.000 Dollar erhalten haben. "Wir haben seltsame Dinge gesehen", sagte Quiroga später: "Ich bin sicher, dass mancher etwas genommen hat."

Im Hauptverdacht stehen Quiroga selbst und Verteidiger Rudolfo Manso, der seine eigene Unschuld später aber stets beteuerte: "Rudolfo Manso hat sich nicht verkauft, er hat kein Geld bekommen", sagte Rudolfo Manso. Nach der WM wechselte er jedenfalls zum argentinischen Verein Velez Sarsfield und wird in der peruanischen Heimat seitdem gerne "El Vendido" gerufen: "Der Verkaufte."

Argentinien erreichte jedenfalls wie gewünscht das Finale und gewann in diesem auch wie gewünscht den Titel. "Mit dem, was ich jetzt weiß, kann ich aber nicht sagen, dass ich stolz auf unseren Sieg bin", sagte der argentinische Nationalspieler Leopoldo Luque später. Peru qualifizierte sich zwar für die folgende WM 1982 erneut, aber die Zeit der größten Mannschaft der Nation neigte sich bald dem Ende entgegen. Nach dem Aus in der Vorrunde wartet Peru bis heute auf eine neuerliche WM-Teilnahme. Ein Sieg in Argentinien könnte das mit großer Wahrscheinlichkeit ändern.