Der katastrophale Saisonstart von Crystal Palace

Weiser Mann für verprügelte Boxer

Von Nino Duit
Dienstag, 03.10.2017 | 12:45 Uhr

Sieben Spiele, null Tore, null Punkte. Crystal Palace hat in der Premier League den historisch schlechtesten Saisonstart hingelegt und bereits nach vier Spieltagen Trainer Frank de Boer entlassen. Retten soll den Klub jetzt Roy Hodgson, der zum zweiten Mal für Crystal Palace arbeitet. Das erste Mal liegt über 50 Jahre zurück.

Als Roy Hodgson zum ersten Mal zu Crystal Palace wechselte, war er ein 16-jähriger Verteidiger und der Klub besaß neuerdings eine Flutlichtanlage, die Abendspiele im Selhurst Park ermöglichte. Im April 1962 wurde sie eingeweiht und dafür extra Real Madrid eingeladen.

Alfredo di Stefano, Ferenc Puskas und all die anderen Stars, die den europäischen Fußball dieser Zeit dominierten, gewannen letztlich mit 4:3 gegen Crystal Palace und Hodgson stand auf der Stehplatztribüne Holmesdale Road End und feuerte seinen Verein an.

"Das ist mein Jugendklub, den ich immer geliebt habe", sagte Hodgson nun, als er mehr als 50 Jahre später zum zweiten Mal zu Crystal Palace wechselte. Für zwei Jahre unterschrieb er als Trainer. "Damals habe ich davon geträumt, einmal für diesen Verein zu spielen und später, ihn einmal zu trainieren." Der Jugendspieler Hodgson kämpfte sich in der Saison 1965/66 tatsächlich in den Kader der damals zweitklassigen Profi-Mannschaft, aber durchsetzen konnte er sich nie. Er spielte dann noch einige Jahre im Amateur-Bereich, bis er neue Träume entwickelte und Trainer wurde.

Als solcher arbeitete er in so vielen Ländern, dass er mittlerweile neben englisch auch deutsch, französisch, schwedisch, norwegisch und italienisch spricht. Er wurde in den 1970er Jahren zweimal schwedischer Meister mit Halmstads BK, führte die Schweiz 1994 zur WM, verlor mit Inter Mailand das UEFA-Cup Finale 1997 gegen die Eurofighter des FC Schalke 04, blamierte sich mit der englischen Nationalmannschaft bei der EM 2016 im Achtelfinale gegen Island und behauptet außerdem: "Ich habe Werke von fast allen Nobelpreis-Gewinnern gelesen." Hodgson, ein Mann von Welt.

Crystal Palace pendelte in all den Jahren zwischen der ersten und zweiten Liga und ist nun genau dazwischen angekommen. Aktuell spielt Crystal Palace die fünfte Saison in der Premier League hintereinander und legte dabei den schlechtesten Saisonstart eines englischen Klubs der vier höchsten Spielklassen aller Zeiten hin. Die Bilanz nach sieben Spielen: Null Punkte, null Tore, 17 Gegentore.

Hodgson statt de Boer, Erfahrung statt Naivität

Bereits nach vier Spieltagen und damit schneller als jeder andere Trainer der Premier-League-Geschichte wurde Frank de Boer entlassen. Nur 77 Tage war er im Amt. 77 Tage, in denen er vergeblich versuchte, einem etwas limitierten englischen Abstiegskandidaten anspruchsvollen niederländischen Angriffsfußball beizubringen. Taktische und personalpolitische Naivität wurden de Boer vorgeworfen und als Nachfolger jemand geholt, der statt für Naivität für Erfahrung steht.

70 Jahre musste Roy Hodgson alt werden, bis er seinen Jugendklub endlich auch trainieren darf. Man könnte meinen, dem Klub mangelte es an anderen Ideen und Hodgson selbst an Alternativen, da er alle anderen Klubs und Nationen dieser Welt schon mal trainiert hat. "Er ist wie einer dieser weisen Männer, die in Pubs rumsitzen und mit denen man sich über alles unterhalten kann", beschrieb James Morrison Hodgson mal im Guardian. Bei West Bromwich Albion spielte Morrison unter Hodgson, es war dessen bis hierhin letzte Station im Klub-Fußball.

2011 übernahm Hodgson West Brom auf Platz 17 und führte den Klub dann souverän zum Klassenerhalt. Gleiches soll er nun mit Crystal Palace schaffen. Dem Klub, der nicht nur sein Jugendverein ist, sondern gleichzeitig auch das vielleicht beste Beispiel für den krankenden englischen Fußball. In den drei zurückliegenden Transferperioden hat der Klub knapp 140 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und einen Kader komponiert, der in der Bundesliga der fünftteuerste des Wettbewerbs wäre. Der sportliche Ertrag dieser Investitionen waren eine Saison im Abstiegskampf und ein Saisonstart ohne Tor und Punkt.

Benteke, das Gesicht der Krise

Die letzten drei Spiele davon verantwortete bereits Hodgson. Ein 0:1 gegen den FC Southampton und zwei deutliche Niederlagen in Manchester. 0:5 bei City, 0:4 bei United. "Wir sind zwar in einer schwierigen Situation, aber wenigstens wissen wird, dass wir nicht 38 Mal gegen City oder United spielen müssen", sagte Hodgson danach - und es hatte etwas von Galgenhumor. Der nächste Gegner ist der FC Chelsea.

Zunächst aber ist Länderspielpause und Zeit für Hodgson, seinem Team das beizubringen, was unter de Boer zu kurz kam: Defensivarbeit. "Es ist sehr schwierig, einen bestimmten Spielstil durchzusetzen, wenn man nicht die Spieler hat, die ihn auch umsetzen können", sagt Hodgson. Es ist deutliche Kritik an seinem Vorgänger, der auf ein offensives 3-4-2-1-System setzte, mit dem die Mannschaft nicht umzugehen wusste. Sie griff an, verwertete ihre Chancen nicht und patzte in der Defensive regelmäßig.

Das Gesicht dieser Krise ist Christian Benteke. Im vergangenen Sommer wechselte der belgische Stürmer für die klubinterne Rekordsumme von rund 31 Millionen Euro zu Crystal Palace, absolvierte eine respektable erste Saison und startete nun katastrophal in die neue. "Er braucht als Katalysator endlich sein erstes Tor", sagte Hodgson kurz bevor sich Benteke gegen City am Knie verletzte. Sechs Wochen muss er nun pausieren. Mit Wilfried Zaha und Connor Wickham fehlen noch zwei weitere wichtige Offensivspieler verletzt und auch Mittelfeldmotor Ruben Loftus-Cheek musste in dieser Saison schon passen.

Zurück auf den Weg von Allardyce

"Wir müssen akzeptieren, dass wir aktuell wie Boxer sind, die in einer Gewichtsklasse kämpfen, der sie nicht gewachsen sind", sagt Hodgson. "Wir werden ständig ausgeknockt, müssen aber immer wieder versuchen zu antworten." Hodgsons Antwort auf solche Situationen ist traditionell hartes Training. Sehr hartes Training. "Ich kann dich noch gehen sehen, also hast du nicht alles gegeben", soll Hodgson bei West Brom gerne gesagt haben, um seine Spieler nach dem Training in der Kabine willkommen zu heißen. "Wir haben noch nie zuvor so hart gearbeitet", erzählte sein Ex-Spieler Morrison.

Taktisch vertraut Hodgson seit jeher mit Vorliebe auf eine Viererkette, schnelle Flügelspieler und viele Flanken und lange Bälle in die Spitze. Ganz ähnliche Ansichten hat Sam Allardyce, der Crystal Palace in der vergangenen Saison nach der Trennung von Alan Pardew zum Klassenerhalt führte. Trotz Vertrags bis 2019 trat Allardyce im Sommer überraschend zurück. "Ich glaube, dass der Klub auf dem richtigen Weg ist", sagte er zum Abschied. Nach dem gescheiterten Experiment mit de Boer kehrt Palace unter Hodgson nun wieder auf diesen Weg zurück.

"Es sind zwar schwierige Zeiten, aber ich bin bei dem Klub, den ich immer geliebt habe", sagt Hodgson und fügt stolz an: "Wir sind der Klub von Süd-London und haben eine enorme Fanbase." Und diese Fanbase ist froh, dass ihre Mannschaft von einem der ihren trainiert wird. Bei Hodgsons erstem Heimspiel gegen Southampton wurde er vom Holmesdale Road End freudig beklatscht. Von dort, wo Hodgson vor Jahrzehnten selbst stand und sein Team gegen Real Madrid anfeuerte. "Ich bin begeistert von diesem Empfang", sagte Hodgson gerührt über das, was neben dem Platz passierte, und dann noch etwas über das, was auf dem Spielfeld passierte: "Es tut weh und wird auch noch weiter weh tun."