Mesut Özil im Interview

"Ich sehe mich als Spielmacher"

Von Benjamin Wahlen und
Haruka Gruber
Donnerstag, 31.03.2016 | 10:56 Uhr
© getty

Beim Länderspiel gegen Italien überzeugte Mesut Özil auf ungewohnter Position im zentralen Mittelfeld. Im Interview spricht der 27-Jährige über seine Rolle in der Nationalmannschaft, seine Vorbilder Zinedine Zidane und Andrea Pirlo, sein besonderes Verhältnis zu Schalkes Nachwuchs-Guru Norbert Elgert und Arsenals Aufgaben im kommenden Transfer-Wahnsinn.

SPOX: Herr Özil, hinter Ihnen liegt die letzte Länderspielpause vor der EM. Wie vor den letzten großen Turnieren waren die Resultate der Testspiele wechselhaft. Heißt: Die Mannschaft wird zum Turnierstart wieder in Bestform sein?

Mesut Özil: Das hat uns in den vergangenen Jahren ausgezeichnet. Wir wissen, wann es zählt, und legen den Fokus voll auf dieses Ziel. Davor können und dürfen auch mal Fehler passieren. Hauptsache, wir sind auf einem Topniveau, wenn die EM startet.

SPOX: Sie selbst werden nach mäßigen Leistungen noch immer kritisch beäugt. Dabei wurden Sie im Vorfeld der England-Partie von den Fans zum vierten Mal in Folge zum Nationalspieler des Jahres gewählt. Was bedeutet Ihnen eine solche Auszeichnung?

Özil: Ich freue mich sehr darüber und fühle mich geehrt, vor allem weil unsere Fans die Wahl durchführen. Es war in der Vergangenheit oft so, dass viele mich mochten, andere aber nicht, da tut diese Auszeichnung wirklich gut. Es scheint anzukommen, dass ich durch meine Leistungen auf dem Platz der Mannschaft helfen möchte.

SPOX: Gegen England gab Mario Gomez nach langer Abwesenheit sein Comeback im DFB-Dress und traf sofort. Wie sehen Sie seine Rolle?

Özil: Wir alle haben uns sehr gefreut, dass er wieder da ist. Ich verfolge regelmäßig seine Spiele in der türkischen Liga, wo er viele Treffer erzielt und toll gespielt hat. Mario ist einfach eiskalt vor dem Tor und hat direkt gezeigt, dass er wieder voll da ist. Er ist ein enorm wichtiger Spieler für die Nationalmannschaft. Genau so einen Stürmer, der immer gefährlich und für einen Treffer gut ist, braucht man für ein großes Turnier.

SPOX: Nicht nur Gomez überzeugt in der Türkei: Sie selbst spielen in Ihrem dritten Jahr beim FC Arsenal die mit Abstand beste Saison in der Premier League. Worauf führen Sie Ihren Leistungssprung zurück?

Özil: In meinem ersten Jahr ist es mir anfangs nicht leicht gefallen, mich in der neuen Liga und dem neuen Umfeld einzugewöhnen. Der Wechsel zum FC Arsenal fand sehr spät statt, die Vorbereitung war bereits weit fortgeschritten. Im darauffolgenden Jahr war ich zum ersten Mal in meiner Karriere lange verletzt. Wobei das vielleicht auch wichtig für meine Entwicklung war. Nach der Verletzung habe ich entschieden, einige Dinge umzustellen und anders zu machen. Jetzt kommt alles Positive zusammen: Ich konnte erstmals die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft absolvieren und profitiere davon, dass ich einiges verändert habe. Seitdem läuft es viel besser und ich habe wieder richtig Spaß am Fußballspielen.

SPOX: Welche Veränderungen meinen Sie konkret?

Özil: Während meiner Verletzung habe ich gemerkt, wie sehr mir der Fußball fehlt und ich wollte auf jeden Fall vermeiden, noch einmal über so einen Zeitraum zuschauen zu müssen. Deshalb habe ich meine Ernährung umgestellt. Früher habe ich mir schon mal eine Cola gegönnt, heute trinke ich viel mehr Wasser. Ich esse heute deutlich weniger Brot als noch vor ein paar Jahren. Und ich bin viel mehr im Kraftraum, habe an Muskelmasse zugelegt und fühle mich topfit. Eine gute Fitness beugt auch Verletzungen vor.

SPOX: Trotz eines starken Mesut Özil stehen die Chancen schlecht, dass der FC Arsenal die erste Meisterschaft nach zwölf Jahren gewinnt. Oder glauben Sie angesichts der Konstanz von Leicester City noch an eine Aufholjagd?

Özil: Wenn man die Saison betrachtet, muss man ehrlich zugeben, dass wir es selbst verpatzt haben. Wir haben gegen die kleineren Mannschaften zuletzt nicht das rausgeholt, was wir eigentlich können. Das wird in der Premier League sofort bestraft. Trotzdem haben wir noch alle Möglichkeiten. Wir müssen auf Patzer von Leicester und Tottenham lauern und dann da sein.

SPOX: Welche Lehren ziehen Sie aus der aktuellen Saison?

Özil: Wegen des neuen TV-Vertrags werden zukünftig noch mehr sehr gute Spieler in die Premier League wechseln, die Teams werden besser und breiter aufgestellt sein. Auch Arsenal muss sich verstärken. Die aktuelle Saison zeigt, dass wir schwächeln, wenn viele Leistungsträger ausfallen. Das darf uns im kommenden Jahr nicht mehr passieren.

Özil im SPOX-Porträt: Mesut boomt

SPOX: Wie sehr würden Sie Ihrem Manager Arsene Wenger die Meisterschaft gönnen, damit bewiesen wird, dass er mit seiner Art des Coachings auch in der Neuzeit erfolgreich sein kann?

Özil: Für ihn würde ich mich besonders freuen. Arsene Wenger hat eine sehr große Rolle gespielt, dass ich mich überhaupt für den FC Arsenal entschieden habe. Er wollte mich unbedingt nach London holen. Jeder weiß, was für ein außergewöhnlicher Trainer er ist. Er ist immer erfolgshungrig, verfügt über einen riesigen Erfahrungsschatz und nimmt sich viel Zeit für die Spieler. Man spürt jederzeit, wie er einen weiterentwickelt und fördert.

SPOX: Sie und Wenger verbindet eine besondere Beziehung - doch Ihr Idol heißt Zinedine Zidane. Er ist nun Trainer von Real Madrid und steht vor seinem ersten Clasico (Sa., 20.30 Uhr im kostenlosen LIVESTREAM bei SPOX) als Chefcoach. Wäre eine Rückkehr nach Spanien unter ihm reizvoll?

Özil: Zidane war ein großartiger Spieler, der nicht nur Fußball gespielt, sondern diese Sportart gelebt hat. Ich habe ihn auch nach seiner aktiven Karriere als sehr bodenständigen und hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Wobei das nichts sagen soll über meine Zukunft: Ich konzentriere mich aktuell nur auf den FC Arsenal.

SPOX: Wie viel Zidane steckt in Özil?

Özil: Ich habe mir viele Spiele von ihm angeguckt. Zidane war einer der cleversten Spieler der Welt, er hat ein Spiel gelesen und gelenkt, ohne dabei unnötig oft in die Trickkiste zu greifen. Das ist das Besondere an ihm. Fast genauso hoch steht bei mir aber Andrea Pirlo. Er war zwar etwas defensiver ausgerichtet, trotzdem hat er das Geschehen jederzeit bestimmt und gestaltet.

SPOX: Pirlo war wie Barcelonas Xavi ein gelernter Spielmacher, bevor sich beide im Laufe ihrer Karriere als Sechser oder Achter neu erfanden. Können Sie sich vorstellen, ebenfalls dauerhaft in eine etwas defensivere Rolle zu rücken, wie Sie sie im Länderspiel gegen Italien einnahmen?

Özil: Nein, ich sehe mich als ganz klassischer Zehner oder Spielmacher, der offensiver agiert und Torchancen kreiert. Das ist meine Lieblingsposition, auf der ich am besten spiele. Mich werden Sie nie als Sechser sehen. (lacht)

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