HSV-Trainer Bruno Labbadia im Interview

"Jeder Mensch braucht Liebe"

Von Benjamin Wahlen
Montag, 18.07.2016 | 23:30 Uhr

Bruno Labbadia marschierte im Rekordtempo von der Regional- bis in die Bundesliga und stand trotz guter Ergebnisse häufig in der Kritik. Im Interview spricht der 50-Jährige über die Gründe für sein schlechtes Standing und räumt eigene Fehler ein. Außerdem erklärt er, wie der Hamburger SV wieder nach oben kommt und warum Visionen nur wenig bringen.

SPOX: Herr Labbadia, sportlich liegt eine einigermaßen ruhige Saison hinter dem Hamburger SV, worauf nach den beiden vorherigen Relegationsdramen nicht viele gewettet hätten. Da fällt der Start in die neue Spielzeit leichter, oder?

Bruno Labbadia: Da muss ich Ihnen widersprechen. Auch wenn es nach außen hin eher ruhig wirkte, mussten wir sehr strampeln, um nicht unten rein zu geraten. Uns ist klar, dass unfassbar viel Arbeit vom gesamten Team dazugehört, um dort zu stehen, wo wir jetzt sind. Mannschaftliche Geschlossenheit und Bereitschaft müssen die Grundlage sein, nur darauf können wir aufbauen. Man darf nicht vergessen, dass wir den Abgang von vielen Führungsspielern kompensieren mussten. Trotzdem hätte ich gerne gesehen, dass wir noch einen Schritt mehr machen - den wollen wir in der kommenden Saison gehen.

SPOX: Obwohl die Ergebnisse auch bei Ihren vorherigen Stationen immer sehr gut waren, standen Sie dennoch immer wieder in der Kritik. Worauf führen Sie das zurück?

Labbadia: Wenn man die nackten Zahlen betrachtet, wurden die Ziele immer erreicht, da haben Sie Recht. In Stuttgart haben wir es beispielsweise darüber hinaus geschafft, den Etat von 60 auf 40 Millionen Euro zu drücken und einen zweistelligen Millionenbetrag an Transfererlösen zu erwirtschaften. Das spielte zwar für die Wahrnehmung in der Bundesliga kaum eine Rolle, für den Verein aber eine sehr große. Das war mir immer wichtiger als meine persönliche Außendarstellung.

SPOX: Sehen Sie Gründe dafür auch bei sich selber?

Labbadia: Es gab sicher den einen oder anderen Punkt, bei dem ich mich sehr zurückgenommen habe, um mich nicht in den Vordergrund zu stellen. Ich hatte immer den Gedanken, dass man als Trainer die Mannschaft scheinen lassen muss - das sehe ich auch heute noch so. Allerdings habe auch ich mich dahingehend weiterentwickelt, dass ich das, was ich fühle, mehr und öfter rauslasse, so wie ich auch als Spieler war. Auch als Trainer muss man permanent lernen und sich selbst hinterfragen. Ich bin in kurzer Zeit durch die vierte, dritte und zweite Liga in die Bundesliga gegangen. Trotzdem gibt es immer wieder Dinge, die auch ich verbessern muss und möchte. Die Kunst ist nicht, keine Fehler zu machen, sondern vielmehr aus den Fehlern zu lernen.

SPOX: In Hamburg ist die Wahrnehmung Ihrer Person eine ganz andere, es gibt rührende Geschichten von Dankesbriefen und großen Plakaten. Tut das gerade nach Ihren letzten Stationen besonders gut?

Labbadia: Natürlich, jeder Mensch braucht Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Ich bin ein extremer Gefühlsmensch. Wenn ich mich einer Sache verschreibe, dann gebe ich absolut alles von mir her. Umso verletzender ist es, wenn man diesen Einsatz und diese Hingabe dann nicht so zurückbekommt, wie man es möglicherweise verdient hätte. In Hamburg erfahre ich jedoch gerade einen großen Rückhalt aus dem Umfeld des Vereins.

SPOX: Nach Ihrem Engagement beim VfB Stuttgart nahmen Sie sich eine fast zweijährige Pause. Haben Sie sich mit dem Gedanken beschäftigt, dem Trainergeschäft den Rücken zu kehren?

Labbadia: Ich habe mir in dieser Zeit viele Gedanken gemacht. Dabei ging es aber nie darum, dem Fußball den Rücken zu kehren, dafür liebe ich diesen Sport viel zu sehr. Es sind vielmehr die Dinge abseits des eigentlichen Trainerjobs, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, wo es politisch wird und wo man manchmal mehr geben sollte, als man eigentlich möchte. Als sehr geradliniger Mensch eckt man da auch mal an. Aber ich habe auch viel Zeit mit meiner Familie verbracht und sehr frei gelebt. Letztlich stand die Erkenntnis, dass ich zwar ohne Fußball leben kann, es aber nicht möchte.

SPOX: Gab der Hilferuf des abstiegsbedrohten HSV dann den letzten Ausschlag?

Labbadia: Nein, die Entscheidung weiterzumachen, hatte ich schon deutlich früher getroffen. Es gab davor schon einige Angebote anderer Vereine, bei mir muss aber immer auch das Gefühl mitspielen und stimmen. Und das war einfach nicht der Fall.

SPOX: Bis dann der HSV kam...

Labbadia: Genau. Ich empfinde eine ganz besondere Bindung zu diesem Verein. Meine Familie und ich leben und lieben diese Stadt, deshalb stand es für mich außer Frage zu helfen. Der Zuspruch aus dem Umfeld, der mir nicht erst nach der Rettung entgegengebracht wird, ist dabei ein zusätzlicher Ansporn. Es tut einfach gut, wie offen und ehrlich die Menschen dieser Stadt auf mich zugekommen sind. Der HSV ist kein normaler Job für mich und macht mir unheimliche Lust auf mehr.

SPOX: Geht damit nicht gleichzeitig ein großer Druck einher?

Labbadia: Natürlich, das ist in fast allen Bereichen gleich: Wenn du dir diesen Ansporn als etwas Positives herausziehst, nimmst du in den Momenten, in denen es nicht so gut läuft, auch alles auf dich. Es gab Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, alles lastet auf meinen Schultern. Aber das macht den Job des Trainers aus. Er ist vielschichtig, nie langweilig und stellt einen jeden Tag vor neue Herausforderungen.

SPOX: Ihre Bindung zum HSV geht sogar so weit, dass Sie auf einen langfristigen Vertrag verzichten, um dem Verein im Falle einer Trennung eine hohe Abfindungszahlung zu ersparen...

Labbadia: Das ist ein Grund, richtig. Ich mache mir nichts vor und bin kein Träumer, wenn du als Trainer keine Leistung und Resultate bringst, setzt man dich vor die Tür. Und in diesem Fall möchte ich dem Verein nicht finanziell schaden. Gleichzeitig möchte ich mir aber auch die Möglichkeit offen lassen, eine freie Entscheidung zu treffen, wenn ich das Gefühl habe, es läuft nicht mehr so, wie ich mir das vorstelle. Diese Freiheit habe ich mir erarbeitet und sie lässt mich klar und strukturiert arbeiten.

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